Transalp auf der Albrecht-Route

28. Juni 2009

Einmal im Leben aus eigener Kraft über die Alpen. Dieser Gedanke ging schon vielen abenteuerlustigen Menschen durch den Kopf. Andreas Albrecht ist einer davon. Vor 10 Jahren machte er die ersten Erfahrungen mit Alpenüberquerungen. Ja, es wurden schnell mehrere, denn es packte Ihn das Alpencross-Fieber. Dass er irgend wann mal eine eigene Route zusammenstellen würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Seine Zielsetzung: Eine durchgehend mit dem Mountainbike fahrbare Route. Das hat er auch beinahe geschafft.

Mit dem Mountainbike von Garmisch Partenkirchen in 6 Tagen zum Gardasee. Ein Bericht von Andreas Albrecht über die Entstehung einer fantastischen Route über die Alpen:

Inzwischen könnte ich meine Route aus dem Gedächtnis fahren, so hat sie sich bei mir eingebrannt. Aber sicher ist sicher; ich schleppe also die drei A4-Seiten des Roadbooks und die gut zwanzig Blätter gescannter Kartenausschnitte mit. Auch das GPS-Gerät läuft eigentlich nur mit, da wir bei der diesjährigen Tour vorhaben, noch die eine oder andere Trailvariante zu suchen und in die Route einzubauen.
Mit von der Partie ist mein Guide der Tiroler Naturbursche Markus Apperle, von allen nur appi.at genannt. Als er noch Snowboardprofi war, hat er um die 80 kg gewogen; alles Muskelmasse, wie er sagt. Jetzt ist er ein drahtiger Strich in der Landschaft. Kein Wunder, wenn ich sehe, was er auf der Tour so isst. Irgendwelche Pülverchen, Liquids und Gels; alles nichts Handfestes, wie ich finde.–Für mich ist eher das richtige Motto: Mein Doping heißt Hefeweizen; aber erst abends nach der Etappe und dazu einen Grappa für die muskuläre Tiefenentspannung und alles in homöopathischen Dosierungen.

mini-cimg8409Wieder geht es in Garmisch-Partenkirchen los. Ich treffe mich mit Appi an einem sonnigen Spätsommermorgen am Parkplatz hinter dem Hauptbahnhof. Es ist ein Sonntag. Das hat den Vorteil, dass wir in der Regel allein auf der Strecke sein werden.

Appi gehört der Handygeneration an, er nutzt bald alle Funktionen, die so ein modernes Teil bietet. Das neueste Feature, welches er ausprobieren will, ist die GPS-Navigation mit dem Handy. Dazu nutzt er die Software von trackspace.de, die Karin Rieder aus München mit entwickelt hat. Man kann damit unter anderem Tracks mit dem Handy aufzeichnen, auf die Website hoch- und runterladen und die von anderen Usern nachfahren. Karins Transalpberichte kenne ich seit Jahren aus dem Internet, wo sie unter www.transalps.de über ihre zahlreichen Alpenüberquerungen mit dem MTB berichtet – natürlich inklusive detaillierter Streckendetails, die auch auf trackspace zu finden sind. Karin und ich haben uns immer wieder mit Tipps gegenseitig geholfen. Eines Tages kamen wir ins Gespräch und sie fragte mich, ob ich die Software mal testen wolle. Mir war schon seit längerem klar, dass die GPS-Navigation über kurz oder lang in die Handys integriert werden wird. Schließlich hat Google dafür schon ein Betriebssystem entwickelt.
Appi war auch gleich interessiert an der Sache und so haben wir das auf dieser Tour parallel laufen lassen. Auf Seiten der Handys ist zwar noch Einiges an Entwicklungsarbeit zu leisten, aber man braucht kein Prophet zu sein um vorherzusagen, dass die Handys der nächsten Generationen eine ernstzunehmende Konkurrenz für GARMIN, Magellan und Co. sein werden.
Appi und ich checken noch kurz unsere Ausrüstung, die Wetterprognosen sind gut. Wir freuen uns beide auf die Woche, die vor uns liegt.

Zwischen den beiden Orten Garmisch und Partenkirchen gab und gibt es eine Rivalität, die weit bis ins Mittelalter zurück reicht. Partenkirchen lag direkt an der verkehrsreichen Rottstraße. Auf dieser wichtigen Handelsstraße zwischen Augsburg und Venedig beförderten die Planwagen über Jahrhunderte Metalle und Felle nach Süden, während in der Gegenrichtung Gewürze, Öle, Stoffe und Wein ins Land kamen. Davon profitierten viele: die Fuhrleute, die Gastwirte aber auch die Handwerker. Garmisch lag abseits der Handelsstraße. Die Einwohner schlugen sich mehr schlecht als recht mit Flößerei und Fischerei, Holzhandel, Jagd und Bergbau durch und schielten neidisch auf die reichen Partenkirchener. Als die beiden Dörfer 1889 Bahnanschluss erhielten, teilten sie sich nur widerwillig den Bahnhof. Erst 1935 wurde durch „Führerbefehl“ die Vereinigung gegen den erbitterten Widerstand der Bürgermeister und Gemeinderäte durchgesetzt. Nur die bevorstehende Winterolympiade 1936 machte das möglich.

mini-cimg8423-kopieGemächlich setzen wir uns in Richtung Zugspitze in Bewegung. Diese erste Etappe ist so richtig schön zum Einrollen geeignet. Jeder kann seinen Rhythmus finden. Von allen Streckenvarianten ist etwas dabei: grober Schotter, knifflige Trail-Passagen, einfache Strecken zum Rollen, bergauf, bergab. Aber nicht zu viel auf einmal – und natürlich der Blick auf die Wälder, die Seen und die Berge der Alpen. Bei dem herrlichen Altweibersommer ein Genuss für die Sinne und ein wohliges Gefühl auf der Haut, die von der Sonne gebräunt wird.

Die beeindruckendste Passage auf der ersten Etappe ist ohne Zweifel der ausgesetzte Wegabschnitt der uralten „Via Claudia“ hoch über den Fernpass-Seen, die türkisblau in der Tiefe schimmern.
Tief haben sich die eisenbeschlagenen Wagenräder der alten Römerkarren im Laufe der Jahrhunderte ins Gestein gegraben. Seit ein paar Jahren ist der Weg aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht. Einige Mountainbiker kommen uns an dieser Stelle entgegen. Sie kämpfen sich den Pfad hoch.

Abends quartieren wir uns in Landeck im Hotel „Mozart“ ein. Ich mache ein Schwätzchen mit dem Hotel-Chef Thomas, den ich vor ein paar Jahren auf einer Messe kennen gelernt hatte. Er erzählt mir, dass immer mehr Radfahrer sein Hotel frequentieren. Manche seien für eine Story gut. Einer sei einmal aus Mangel an trockener Wechselkleidung barfuß und in Unterwäsche zum Abendessen erschienen, was die anderen Anwesenden und vor allem seine Mutter, die Seniorchefin des Hauses, nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinriss. Mit einem Augenzwinkern also hier der Hinweis: Im Hotel „Mozart“ herrscht Ordnung, Krawattenzwang besteht allerdings nicht.

Überhaupt haben sich entlang des Weges im Laufe der Jahre viele Freundschaften entwickelt. Nicht im Traum hatte ich ja daran gedacht, was sich aus meiner Suche nach der für mich persönlich „optimalen“ Transalp entwickeln sollte. Mein Leben hat das total umgekrempelt und inzwischen ist die Transalp auf der Albrecht-Route ein Klassiker geworden.
Ganz unbedarft war ich nicht, als ich anfing, die Route zusammenzustellen. Ich wusste damals nur, dass ich nach diversen Erfahrungen allen vollmundigen Verheißungen von „Traumsingletrails“ sehr skeptisch gegenüberstand. Allzu oft hatte sich das mit einem voll gepackten Transalp-Rucksack auf dem Rücken als wenig der Realität entsprechend herausgestellt. Auch der Erlebniswert der viel gepriesenen Hüttenübernachtungen korrespondierte oft nicht einmal mit dem Gegenwert des Blatt Papiers, auf dem das beschrieben wurde. Einmal zählte ich in einer Hütte auf einer sehr frequentierten Transalproute mehr als 80 Mountainbiker, die dort übernachteten, dazu noch rund 100 Wanderer und Sangesfreunde der entsprechenden Alpenvereinsektion. Da wird die alpine Einsamkeit wahrlich zum Massenerlebnis.

mini-cimg8585-kopieVerlass dich lieber auf deine eigene Urteilskraft, lass dir nichts mehr einreden, habe ich mir gesagt und recherchierte selber. Unterwegs habe ich Augen und Ohren offen gehalten, mich mit Wanderern, Hüttenwirten, Einheimischen und Jägern unterhalten. So formte sich im Verlauf von drei Sommern die Route, die ich schließlich für meine Zwecke dokumentierte und ins Internet stellte, dass sich im neuen Jahrtausend als das Informationsmedium herausgestellt hat. Mit ein bisschen Glück konnte ich mir auch die passende Domain www.transalp.info sichern und so kam der Ball ins Rollen. Allerdings merkte ich nichts davon. Es trudelten zwar recht bald und immer wieder Emailanfragen ein, die sich auf die Route bezogen. Ich hatte damals aber noch meinen gutbürgerlichen Job und für mich war das Thema Transalp auf eine Woche Urlaub im Jahr beschränkt. So richtig merkte ich erst, was los ist, als ich eines Tages eine Email aus Italien erhielt. Jim Pini vom Albergo Sassella in Grosio im Veltlin-Tal schrieb mir, dass plötzlich viele Mountainbiker bei ihm übernachteten. Er stellte einen Zusammenhang her mit meinen Tourberichten und bedankte sich herzlich. Ich nahm das erst einmal so hin, schrieb freundlich zurück und bedankte mich meinerseits für den perfekten Service und das überragende Essen in seinem Hotel. In meinem Kopf begann es nun zu rattern, die Gedanken kreisten, Erinnerungen kamen hoch. An der legendären Schiebepassage nach der Heidelberger Hütte zum Fimberpass kam einmal mein Begleiter Uwe aus Belgien mit einem anderen Transalpler ins Gespräch. Wie das so ist, man fragt man gegenseitig aus über das Woher und Wohin und mit wem man unterwegs ist. Uwe kam hinterher zu mir und sagte, dass er es nun besonders zu schätzen wisse, dass er mit „dem Albrecht“ unterwegs sei.

In dem Augenblick war der Name für die Route geboren. Bisher hatte ich für meine Tourberichte im Internet einfach die Jahreszahlen benutzt und vielleicht den dürren Hinweis, dass es eine Explorertour sei.
In einem Anfall von Größenwahn wählte ich nun den Namen für meine persönliche Lieblingstransalp; ich nannte sie die Albrecht-Route. Sozusagen als weitgehend fahrbares Gegenstück zur Urtransalp, der Heckmair-Route. Deren Finder sagte sinngemäß, Transalp sei Bergwandern, nur dass man ein Mountainbike dabei habe. Mein Konzept war angelegt auf Fahrbarkeit der Strecken auch im hochalpinen Gelände, ohne den Charakter einer Mountainbiketour zu verlieren.

Nur wenige Passagen zwingen einen aus dem Sattel und wenn, sind es nur kurze Abschnitte, die nicht einmal eine Stunde Schieben am Stück bedeuten. Wenn ich alle meine Begleiter im Laufe der Jahre Revue passieren lasse, sind sie zusammen rund 97% der Strecke von ca. 480 km gefahren. An manchen Passagen zum Beispiel im Val di Rezzalo war mir das zwar nicht vorstellbar, ich habe es aber mit eigenen Augen gesehen. Als ich zum Beispiel mit dem Filmemacher Roland Schymik zum Drehen für die DVD „Abenteuer Alpencross 2 – Transalp auf der Albrecht-Route“ unterwegs war, ist er am Passo dell’Alpe nur an einer Stelle abgestiegen, wo der Untergrund verblockter Fels war – unfassbar.

Appi entwickelt ähnlichen Ehrgeiz und ähnliche Kraft, isst aber manchmal zu wenig. Den legendären Trail vom Fimberpass ins Inntal meistert er souverän, am Passo Costainas, beim Anstieg zum eindrucksvollen Val Mora kommt er kaum ins Schwitzen und der sehr grobe Militärweg zum Passo Verva ringt ihm nur ein Lächeln ab. Wir wollen diesmal in der zauberhaften „La Baita“ bei meinem Freund Alessandro übernachten und drücken noch den Schlussanstieg hoch. Die Hütte liegt abseits aller Zivilisation im Val di Rezzalo, einem Quertal zwischen dem Veltlintal und der Gaviapassstraße. Strom gibt es nur von der eigenen Wasserturbine. Handyempfang gar nicht, dafür Frieden, Stille, einen herzlichen Empfang und wunderbare Hausmannskost. Die Steinpilze für das Risotto ai Porcini hat Alessandro selbst gesammelt und der selbstgebackene Kuchen ist ein Gedicht.  Appi stochert nur in seiner Portion und lässt den Nachtisch ganz aus. Das soll sich am nächsten Tag rächen

mini-cimg8823Hoch zum Passo dell’Alpe geht es noch gut. Bei der Abfahrt zum Gaviapass erkunden wir noch einen Trail, der uns auf den direkten Weg nach Pezzo bringt (nach einem Tipp eines Freundes kriegt sie den Namen „Michels-Variante“). Dann wartet als Scharfrichter noch die sacksteile Schotterpiste zur Montozzo-Scharte auf uns. Da bekommt Appi die Quittung. In der Hälfte riegelt sein innerer Motor ab. Der Brennstoff ist alle, ein Gel mag er schon gar nicht mehr essen. Ich fahre vor und bestelle ihm am Rifugio Bozzi schon mal ein ordentliches Panino mit Wurst und viel Käse. Nun hört er endlich auf mich und isst etwas Ordentliches. Siehe da, es hilft und das unternehmungslustige Funkeln kehrt in seine Augen zurück.

mini-img_3691Die Übernachtung in der Bozzi-Hütte möchte ich mir nicht noch einmal antun, rustikal ist eine vornehme Umschreibung. Wir liegen gut in der Zeit und machen uns auf den Weg zur Forcellina di Montozzo. Die letzten gut 150 Höhenmeter sind 40% steil, das ist noch niemand gefahren. Der Trail hinunter zum Lago di Pian Palu ist die passende Belohnung, einer der schönsten in den Alpen. Vor dem Stausee finden wir auch noch eine kleine Trailvariante.

Am letzten Tag ist das unumstrittene Highlight der Lago di Val Agola. Still und friedlich liegt er in der Morgensonne, die Berge der Brenta spiegeln sich auf seiner ungekräuselten Oberfläche. Danach folgt die allerletzte kurze Schiebepassage zum Passo Bregn de l’Ors, dem Bärenpass, wir können den Gardasee bald schon riechen. Den Lago wollen wir über das Sarca-Tal erreichen. Über den Passo Ballino ist uns der Straßenanteil zu hoch, auch wenn wir dabei hoch über Riva den See zum ersten Mal erblicken würden. Nach Arco gibt es ja noch den Trail hoch nach Nago, der an einem berühmten Aussichtspunkt herauskommt. In dieser S-Kurve hat wohl jeder schon angehalten, der das erste Mal mit dem Auto angekommen ist. Die Aussicht ist überwältigend, zumal wir heute klare Sicht haben. Appi und ich schauen uns an und reichen uns die Hände; ja, das passt. Die Albrecht-Route lebt.

Autor: Andreas Albrecht www.transalp.info
Guide: Apperle Markus www.appi.at & www.transalp.tv
Fotos: ©appi.at

Tipp der Redaktion: Die Transalp auf der Albrecht Route wird 2010 von der Alpenvereinssektion Innsbruck in Zusammenarbeit mit www.appi.at angeboten.  Bei Interesse, sollte rechtzeitig gebucht werden.

Darüber hinaus gibt es bei www.appi.at auch die Möglichkeit eines individuellen Termines für kleine Gruppen ab 4 Personen!

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