Ist ein dopingfreier Bergsport überhaupt realistisch?

Die Zahl der Höhenbergsteiger, die auf leistungssteigernde Medikamente zurückgreift ist deutlich höher als allgemein angenommen. Die medizinische Kommission des Internationalen Alpinistenverbands UIAA hat hierzu ein Dokument erarbeitet, welches beim KIKU. International Mountain Summit offiziell vorgestellt und aus verschiedenen Perspektiven heraus debattiert wurde.

 

Doping ist in einer Wettbewerbsgesellschaft ein Phänomen der Gesellschaft, das auch vor den Bergen nicht Halt macht. Doping im Bergsport trägt dazu bei, dass das ohnehin schon brisante Thema noch größere Kreise zieht. Braucht es mehr Aufklärung, mehr Ethik im Bergsport?

Peter Bärtsch, ehemaliger Chefarzt und emeritierter Professor für Sportmedizin an der Universität Heidelberg, sieht als einen Grund für das Einnehmen von Medikamenten vor allem die zu geringe Akklimatisierungszeit. Diese führe dazu, dass Symptome wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit und Erbrechen auftreten. Selbst eine noch so gute Fitness schütze nicht vor Bergkrankheiten. Marco Maggiorini, Abteilungsleiter auf der Intensivstation Innere Medizin in Zürich, ergänzt, dass die Anfälligkeit für Bergkrankheiten zwar vor allem von der Höhe, Vorerkrankung und Akklimatisierungszeit abhängt. Durch bestimmte Medikamente könne einer Erkrankung aber vorgebeugt werden. Der Wirkstoff Acetazolamid zum Beispiel bewirke, dass das Blut saurer wird und die typischen Anzeichen für eine Bergkrankheit schneller zurückgehen. Auch der Wirkstoff Dexamethason werde von Bergsteigern bei leichten Symptomen eingesetzt und diene vor allem der Prophylaxe.

Beide Wirkstoffe weisen Nebenwirkungen auf, unter anderem die Schädigung der Magenschleimhaut und Bewusstseinsstörungen. Das Einnehmen liege nach der ethischen Betrachtung des Dokuments des UIAA vor allem im persönlichen Ermessen. Das Dexamethason dürfe dem Prüfbericht nach allerdings nicht länger als sieben Tage genommen werden und beinhalte deutlich stärkere Risiken als Acetazolamid. Bei Auftreten der Höhenkrankheit, sowie Anzeichen eines Höhenhirnödems oder Höhenlungenödems, bestehen Lebensgefahr. Daher sei es die beste Medizin, einen schnellen Abstieg zu wählen. Lediglich bei den Erkrankungen der Höhenkrankheit könnten die beiden Wirkstoffe vorbeugen, grundlegend bleibe zur Verbeugung von Bergkrankheiten aber immer noch vor allem eine ausreichende Akklimationszeit.

Martin Burtscher, Institutsleiter von der Universität Innsbruck, hat in seinen Forschungen herausgestellt, dass diese Medikamente eine hohe Akzeptanz haben und von den Bergsteigern mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 60 und 100 Prozent genommen werden würden. Teilweise gäbe es sogar von Ärzten die Empfehlung, die Medikamente zu nehmen. Burtscher erzählt von eigenen Erfahrungen als Bergführer. Ohne eine medizinische Vorversorgung führe die Höhenkrankheit wegen Schwindel, Übelkeit und Konzentrationsstörung bei rund 50 Prozent der Teilnehmer zu erheblichen Sicherheitsbedenken. Die Medikamente würden dabei helfen, dieses Sicherheitsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren. Ein systematisches Doping im Breitenbergsport konnte Burtscher dagegen nicht zu erkennen. Hier würden Medikamente vor allem von älteren Menschen vorwiegend aus medizinischen Gründen eingesetzt.

Doch auch eine ausreichende Akklimatisierungszeit hält viele nicht davon ab, zu leistungssteigernden Substanzen zu greifen. Urs Hefti, Schweizer Facharzt für Innere Medizin, führt aus, dass bei einem Testversuch jeder Proband alle fünf Tage selbstständig ein Medikament genommen habe, auch wenn es keine Empfehlung gab. „Es ist ein Denkfehler, wenn man zuerst an die Medikamente denkt“, sagt er und rät stattdessen dazu, sich unbedingt Zeit beim Aufstieg zu lassen. Studien würden schließlich belegen, dass es umso wahrscheinlicher ist, einen Gipfel auch zu erreichen, je weniger Höhenmeter man während der Akklimatisierung geht. In der Annäherung an das Thema Doping rät er zu Gelassenheit, auch wenn es trotzdem notwendig sei, über die Konsequenzen und Nebenwirkungen Bescheid zu wissen, damit in der Höhe keiner gefährdet wird.

Neben den medizinischen Kenntnissen wurden auch sozialpsychologische Aspekte diskutiert. Der Leiter der Fachstelle Forum Prävention Peter Koler sieht im Sportverhalten der Gesellschaft vor allem den Wandel hin zu einer Athletisierung des Körpers. Der Körper werde heute als formbar angesehen. Das würden sich auch Werbung und Pharmakonzerne immer häufiger zu nutzen machen, indem sie suggerieren, dass man durch die Einnahme von leistungsfördernden Substanzen ganz einfach und risikofrei zum „Helden“ werden kann. Koler stellt außerdem fest, dass die Grenzen zwischen legal und illegal zunehmend verschwimmen. Ein „Dopen“ des Körpers werde gesellschaftlich und juristisch nicht akzeptiert, ein „Formen“ des Körpers dagegen schon, selbst wenn im Formprozess versteckte Dopingmittel beinhaltet sind.

Nachholbedarf beim Ausrichten eines „ethischen und bergsportethischen Kompasses“ benennt Journalistin und Medienforscherin Prof. Dr. Marlis Prinzing und nimmt die Medien in die Pflicht. Zu einem Prozentsatz von ein bis drei Prozent würden Dopingthemen in den Medien thematisiert werden. Die veröffentlichten Inhalte stellen die Siegertypen und das Rekordstreben in den Fokus und verleiten dazu, das Doping ungewollt zu bewerben. Der Weg hin zu einer Veränderung müsse es aber sein, dass Medienmacher erkennen, selbst Teil des Spiels zu sein und aktiv werden. Für eine qualitative Sportberichterstattung mit ethischem Kompass sei es zudem wichtig, die vollständige Geschichte zu erzählen und ohne Furcht Zusammenhänge herzustellen und Schattenseiten zu benennen.

Gewinnen ohne Doping ist möglich. Francesca Canepa ist derzeit die stärkste italienische Trailrunnerin. Sie gehört zu den Besten der Welt. Ganz ohne Doping. Ihre Devise: sich jedes Mal neue Ziele setzen, sich selbst einschätzen, Erholungsphasen einplanen, sowie die mentale Einstellung zu einem gesunden Sport wahren. Zudem sei es vor allem wichtig, sich selbst als eigene Person wahrzunehmen und das Bemühen zu akzeptieren. Doch das ist nicht immer einfach: Bei anderen Sportarten liege das Dopingproblem weniger in der Person selbst, sondern vor allem in der Struktur und Intransparenz des Systems. Am Beispiel des Radsports werde systematisch Druck auf die Athleten ausgeübt und ein illegales Verhalten intern beschönigt. Jörg Jaksche, einst aktiver Radprofi, dopte selbst und wurde dadurch Teil des Dopingskandals um Eufemiano Fuentes im Jahr 2006. Er stand ein, gedopt zu haben, kam danach nicht mehr in den Radsport zurück. Wichtig sei es seiner Meinung nach vor allem – auch übertragen auf den Bergsport – über den Tellerrand hinauszuschauen und den Blick auf die systematischen Eigenheiten der jeweiligen Sportart zu richten, um Abhängigkeitsverhältnisse zu benennen und zu diskutieren.

 

Photo: Jürgen Kössler, IMS