IMS 2012: „Das Scheitern mitdenken“

„Scheitern“ bringt voran – wenn man damit umgehen kann – das vermittelten prominente Köpfe aus Berg- und Wirtschaftswelt wie etwa Reinhold Messner, Edurne Pasaban, Marc Girardelli und Sascha Lobo am Freitag, den 09. November 2012, bei der Tagung „Grenzgänge zwischen Erfolg und Misserfolg“ im Rahmen des „International Mountain Summit“ (IMS) in Brixen.

Jeder Mensch scheitert, manches gelingt nicht im ersten Anlauf. Doch nur wenige reden über dieses „letzte Tabu der Moderne“, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Thema charakterisierte. Der International Mountain Summit (IMS) brach mit der Tagung „Grenzgänge zwischen Erfolg und Misserfolg“ das Schweigen und damit das Tabu und lockte an die 600 Teilnehmer in das Forum in Brixen. Der Kongress vermass aus der Sicht von Forschung, Psychologie, Medien und von Betroffenen, inwiefern insbesondere Wirtschaftsleute und Bergsteiger voneinander lernen können, aus ihren Fehlern zu lernen – und aus welchen Fehlern man überhaupt etwas lernen kann.

„Jeder Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne.“

Mit diesem Zitat von Hans Magnus Enzensberger  eröffnete die Moderatorin und Professorin für Journalismus Marlis Prinzing den Kongress. Zahllose Bücher befassen sich mit dem Erfolg, nur ein Bruchteil mit dem Scheitern, der wirtschaftliche Erfolg wird in der Managementliteratur dauernd analysiert, das wirtschaftliche Scheitern nur selten, stellte sie fest. Eine zentrale Tugend der Aufklärung ist der Zweifel am Bestehenden sowie am eigenen Tun, und damit wäre ein Fehler kein Makel. Tatsächlich streben die meisten Fehlerfreiheit an, Wortschöpfungen wie Nulltoleranz, Best Practice, Top Performance und Benchmarking im Management spiegeln das wider. Der Druck steige und damit erst recht die Wahrscheinlichkeit, etwas falsch zu machen, sowie die Raffinesse, Fehler zu vertuschen, abzustreiten, zu beschönigen, zu rechtfertigen, man sucht Schuldige und flieht ins Passiv: „Es wurden Fehler gemacht“. Prinzing wies auf die heilvolle Kraft hin, die in Fehlern stecken kann, und auf das Fehlerbeseitigungsmodell Kaizen, nach dem z.B. der Automobilhersteller Toyota arbeitet. Kaizen bedeutet „die Veränderung zum Besseren, entscheidend ist, den besten Weg zum Ziel zu finden und der könne auch über Umwege und Abwege führen.

Unternehmer müssen „das Scheitern mitdenken“, riet Harald Pechlaner, Professor an der Universität Eichstätt und Direktor am Eurac-Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement in Bozen. Der berufliche Grenzgänger will Scheitern als Teil eines kreativen Prozesses sehen. In der deutschen Kultur falle das besonders schwer, weil Scheitern anders als etwa in den USA oder in Japan rasch den sozialen Tod des Akteurs bedeutet. Ins Gegenteil zu kippen und gescheiterte Expeditionen oder Menschen in Medienberichten zu glorifizieren, sei aber auch nicht nützlich. Pechlaners Devise: Im und am System arbeiten, zum Beispiel indem man den gesetzlichen Rahmen so verändert, dass Unternehmen rascher erneuert werden können. Von Extrembergsteigern, die große und komplexe Expeditionen machen, könne man lernen, aufs Ganze zu sehen und damit auch auf die Möglichkeiten, woran man scheitern kann. Von Kletterer lieh er sich das Vergleichsbild, viel zu riskieren, sich zu sichern und auch mal ins Seil zu fallen, also „graduell zu scheitern“.

„Man kann nicht aus jedem Fehler lernen“,

sagte der Berliner Internetspezialist, Buchautor und Kolumnist Sascha Lobo in seinem Erfahrungsbericht. Manche Fehler habe er mehrmals gemacht, weil ihm erst dann bewusst wurde, dass es ein Fehler war. Lobo hat eine Werbeagentur an die Wand gefahren und schilderte, wie ihm plötzlich schmerzlich bewusst wurde, was das denn bedeutete. Viele haben noch zu viel Angst vor dem Scheitern, deshalb werden sehr viele Projekte spät oder zu spät abgebrochen.

 

Lobo riet zum Blickwechsel:

„Man muss sich selbst als Experiment sehen.“

„Erfolgsorientierte sehen Scheitern oft gar nicht als Misserfolg“,

fand der Skirennläufer und Unternehmer Marc Girardelli. Der Österreicher, der für Luxemburg startete, weil sein Vater, der ihn trainierte, sich mit den Funktionären im eigenen Land überworfen hatte, hält die eigene Einstellung für ausschlaggebend. In seiner Laufbahn hatte er oft Verletzungspech, manches Mal fand die Konkurrenz, nun erhole er sich nicht mehr.

„Das war für mich erst recht ein Ansporn.“

Girardelli gewann 46 Weltcuprennen, 11 Weltmeisterschaftsmedaillen, zwei olympische Medaillen und war fünfmal Gesamtweltcupsieger, nach dem Ende der Rennläuferkarriere eröffnete er mit seinem Vater eine Skihalle in Bottrop. Kurz vor der Insolvenz zog er die Reißleine und verkaufte seine Anteile an eine niederländische Hotelkette. Er habe sich zu einem Projekt überreden lassen, von dem er zu wenig verstand. Das habe er begriffen und mache nun Dinge, die in Dimension und Art zu ihm passen: er berät beispielsweise den bulgarischen Skiverband, vertreibt eine Skimodekollektion.

Der Südtiroler Alpinist und Museums-Unternehmer Reinhold Messner erzählte von der gescheiterten Antarktis-Expedition des britischen Polarforschers Ernest Shackleton, die eine Erfolgsgeschichte unternehmerischer Leadership wurde. Shackleton brach 1914 mit seinem Spezialschiff „Endurance“ auf, blieb im Packeis stecken, er und die Mannschaft konnten sich auf Eisschollen retten, doch erst drei Jahre später waren sie wieder zu Hause, und dies letztlich, weil sie in Shackleton einen Chef hatten, der Weitblick besaß, verlässlich war und zu Höchstleistungen motivieren konnte. Messner setzte Shackletons Plan, den Eiskontinent zu durchqueren, 1989 gemeinsam mit Arved Fuchs um – zu Fuß. Zentrale Lehre aus solchen Extremtouren ist für Messner, sich im Verzicht zu üben: Wer gelernt hat zu verzichten, halte auch bei Niederlagen länger durch.

 

Messner schloss mit einem Goethe-Zitat:

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“

Die spanische Bergsteigerin Edurne Pasaban, die mittlerweile alle 14 Achttausender bestiegen hat, stand 2004 zwar ganz oben, auf dem Gipfel des K2. Tatsächlich aber war sie, weil sie sich medial zu sehr instrumentalisieren ließ, so stark unter Druck, dass sie sich so weit unten fühlte wie noch nie. Sie überlebte um Haaresbreite den Abstieg und stürzte in eine Depression. In der Diskussion erzählte sie, wie sie allmählich neue Zuversicht gewann. Der deutsche Psychologe Thomas Fuchs erläuterte, was in der Seele passiert, wenn wir scheitern, und nannte vier Schlüssel, wie man erfolgreich mit Niederlagen zurechtkommt: Sich seiner selbst bewusst sein, sich selbst vertrauen, Selbstverantwortung übernehmen und sich möglichst rasch selbst überwinden, auch wenn dies unbequem und schmerzhaft ist.

Das Fazit des Kongresses: Wer als normal und unausweichlich akzeptiert, dass ihm immer wieder Fehler passieren werden und er immer wieder an etwas scheitern wird, hat den ersten Schritt getan, um konstruktiv mit solchen Niederlagen umzugehen. Die Erfahrungen anderer lassen sich zwar nie eins zu eins übertragen. Denn das Gefühl, gescheitert zu sein, ist sehr persönlich. Aber diese Erfahrungsberichte können auf Ideen bringen, wie sich die eigenen Niederlagen besser verarbeiten lassen. Sie sorgten am Kongress-Abend beim sogenannten „Abklettern“ noch sehr lange für Gesprächsstoff.

 

Der International Mountain Summit erlebte heuer die vierte Ausgabe und hat sich als eine der wichtigsten Bergfestivals und Impulsgeber für die Bergwelt inzwischen einen Namen gemacht.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.ims.bz

 

Fotos: IMS