Ardeche –  Outdoor Paradies für Genießer

Ein Beitrag von Gerald Valentin

 

Die Verlockung auf der französischen Autoroute du Soleil in den sonnigen Süden zu brausen ist groß. Bevor man das ersehnte Meer erreicht findet man etwas nördlich von Avignon einen Landstrich von herber Schönheit und wildem Charme. Hier kommen Naturliebhaber auf ihre Rechnung, aber auch Wanderer, Kletterer, Paddler und sonstige Outdoor-Enthusiasten finden ein reiches Betätigungsfeld. Angela Faber berichtet über ihre Erlebnisse am berühmten Gorges de l’Ardèche.

Die Korallen, Muscheln und das sonstige Meeresgetier hatten ganze Arbeit geleistet. Vor 100 Millionen Jahren haben sie in einem tropischen Meer ein gewaltiges Riff gebildet. Dieses wurde später durch tektonische Kräfte empor gehoben und der erosiven Kraft des Wassers ausgesetzt. Der 300m tiefe Canyon der Ardeche sowie unzählige Höhlen und Felswände sind das faszinierende Resultat dieser geologischen Prozesse.

Das Zentrum der südlichen Ardèche ist Vallon Pont d’Arc. Wir scheuen den touristischen Rummel um die zahlreichen Shops und Lokale und beziehen im malerische Labastide de Virac Quartier. Hier haben Guido und Rosemarie ein Haus, das vor 500 Jahren der Seidenraupenzucht diente, in ein bezauberndes Frühstückshotel umgebaut (www.lemasreve.com). Die alte Bausubstanz wurde dabei schonend renoviert und jedes Zimmer geschmackvoll eingerichtet. Köstlich mundet das Frühstück auf der Sonnenterrasse, bei dem es ausschließlich Produkte aus der Region gibt. So muss es den Königen von Frankreich ergangen sein.

Wir starten unsere Erkundungen mit einer Wanderung in den Gorges de l’Ardèche. Ein schmaler Pfad führt vom Le Mas Reve durch die einzigartige Macchia aus Grüneichen, Buchsbaum, Ahorn, Besenginster und Maulbeerbaum. Außer dem Geschrei von Vögeln und dem fernen Rauschen des Flusses ist nichts zu hören. Nur eine Rotte von Wildschweinen stört jäh die Einsamkeit und jagt uns einen gehörigen Schrecken ein. (Guido wird uns später darüber aufklären, dass die Wildschweine ebenso wie der schwarze Skorpion im Zimmer, völlig harmlos sind). Im letzten Abschnitt des Weges zeigen sich die Bäume bizarr mit Moos behangen bedeckt, ehe wir unvermittelt am Ufer der Ardèche stehen. Die Sandbank und das klare Wasser laden zum Baden ein. Wie in einem Werbefilm, erscheint ein Adler, der König der Schlucht und zieht seine Kreise am Himmel.

So viel Naturerlebnis macht hungrig und so marschieren wir nach Labastide de Virac um die Spezialitäten der Region zu verkosten. Die spezielle Note der Ardèche kommt mit Maroni – als Suppe mit Kartoffeln oder in einer sündigen Kastaniencreme mit Schokolade, auf den Tisch. Klassiker heißen „Cousina” und „La crique et la bombine“. Obwohl die Ardeche nicht zu den klassischen Weingebieten zählt, finden sich einige Produzenten deren Rotweine ausgezeichnet schmecken.

Die lukullischen Freuden lassen sich gut mit Ausflügen in die sogenannten „Villages de caractère“ zu kombinieren. Rund 20 malerische Dörfer haben sich unter dieser Marke zusammengetan und bieten interessante Sehenswürdigkeit oder einfach nur erholsame Spaziergänge zwischen Olivenbäumen in mittelalterlicher Atmosphäre. Das typische Dorf besteht aus ineinander verwobenen, in den Hang gebauten Gebäuden und Räumen. Es ist weniger ein Dorf als eine nach außen durch Mauern gesicherte kleine Festung mit Innenhöfen, Backhäusern, Stallungen und engen Durchlässen. Um diese Ortschaften anzufahren, brauchen Fahrer jedoch eine professionelle Kurventechnik und Beifahrer einen guten Magen, denn die engen Straßen winden sich in endlosen Schleifen über das Hochplateau.

Die Beschaulichkeit endet, wenn man sich auf das Abenteuer einlässt, die Aven d’Orgnac über einen Klettersteigs zu erkunden. Bei der Aven d’Orgnac handelt es sich um eine riesige Tropfsteinhöhle und einem der größten Naturwunder Frankreichs. Um den Strom der 160.000 jährlichen Besucher zu entkommen, besteht die Möglichkeit die faszinierenden Formationen der Höhle gleichsam aus der Galerie zu betrachten. Ausgerüstet mit Lampe, Helm, Overall und Stiefeln und begleitet von einem professionellen Führer klettert und hantelt man sich an Seilen knapp unter der Decke der Höhlenwände entlang. Die schwindelerregenden Tiefblicke, die bizarre Umgebung und wackeligen Befestigungen lassen den Adrenalinpegel zu mindestens zu Beginn der dreistündigen Kletterei ansteigen.

Die Führung beginnt im Herzstück der Höhle, einem riesigen Saal dessen Attraktivität durch eine Licht- und Musikinstallation perfekt zur Geltung gebracht wird. Erstaunen und eine gewisse Ehrfurcht breitet sich angesichts der vielfältigen Kristallisationsformen aus. Die Stalagmiten, die bis zu 15m hoch vom Boden aus wachsen und die Gestalt von Palmen, Tellerstapeln oder Tannenzapfen annehmen, entstanden aus Wassertropfen, die aus großer Höhe fielen und platzten. Die von der Decke hängenden Stalaktiken entwickelten sich aus aufgelöstem Kalkstein, der zu Kalkspat kristallisierte. Sich zwischen diesen wundersamen, fragilen Gebilden zu bewegen, sie zum Greifen nahe zu haben, ist ein Naturerlebnis besonderer Qualität. Der Klettersteig endet mit einer rasanten Fahrt über eine Seilrutsche und nach wenigen Schritten sind wir bei einem Lift, der uns aus Kälte und Dunkelheit wieder an das Tageslicht bringt.

Die Aven d’Orgnac sowie die vielen anderen Schauhöhlen, von denen die Höhle von Chauvet durch steinzeitliche Tierzeichnungen und Ritzungen besonders fasziniert, sind wahre Publikumsmagneten und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der eher abgelegenen und wirtschaftlich schwach entwickelten Ardèche. Jahrhundertelang lebte die Bevölkerung von der Landwirtschaft – in den Tallagen wurden Wein, Oliven und Pfirsiche angebaut, höher oben Kastanien. An Tieren wurden Schafe und Ziegen gehalten. Durch Überweidung, dem Befall der Esskastanie mit Pilzkrankreiten und dem Absterben der Maulbeerbäume durch Frost ist im Verlauf der wechselhaften Geschichte den Menschen mehrmals die Lebensgrundlage geraubt worden. Vorübergehenden Wohlstand brachte bis Mitte des 19.Jahrhunderts die Seidenraupenzucht, doch mit einer tödlichen Seuche unter den Raupen und dem Überschwemmen des Marktes mit billiger Importseide verlor auch dieser Wirtschaftszweig an Bedeutung. Bis in die 70iger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren in der Ardèche zwei Drittel der Bevölkerung abgewandert. In den 80iger Jahren kamen Touristen, Aussteiger und Familien, die die wilde Landschaft schätzten und begannen mit neuem Selbstverständnis und gestiegenem Selbstbewusstsein die Dörfer wieder auf zu bauen und die Kastanienwälder, Weinberge und Pfirsichplantagen wieder auf zu forsten. Kunsthandwerksbetriebe wurden gegründet und Übernachtungsmöglichkeiten in der Bandbreite zwischen Einstern-Campingplatz und Luxusschloss geschaffen. Heute setzt die Ardeche stark auf den, zumeist sanften Tourismus.

Outdoorsportler sind in der Ardeche sehr willkommene Gäste. Kletterer finden einen wasserzerfressenen Kalk besonderer Qualität. Kurze Zustiege und eine große Auswahl an Routen im Schwierigkeitsgrad von 4a bis 8c bieten tolle Möglichkeiten für Anfänger und Topclimber. Im der Regel beschränken sich die Routen auf eine oder zwei Seillängen, an den Wänden Gorges de l’Ardèche sind zehn und mehr Seillängen angesagt. Viele der vorbildlich eingerichteten Klettergärten sind sehr familienfreundlich und bieten sichere Spielmöglichkeiten am Wandfuß. Leider sind gerade diese Gebiete stark frequentiert und der Fels zeigt sich in den leichteren Routen etwas abgeschmiert. Informationen zum Klettern in der Ardeche findet man im Kletterführer „L’escalade en Ardèche“.

Ein absolutes Muss jedes Aufenthalts in der Ardeche stellt die Fahrt mit dem Kajak durch die Gorges de l’Ardèche dar. Mit einsamer Wildwasser-Romantik hat die Fahrt angesichts hunderter (Nebensaison) oder tausender (Hauptsaison) bunter Boote jedoch nichts zu tun. Trotzdem ist es höchst vergnüglich, die je nach Kondition 6, 24 oder 30 km lange Flussstrecke zu bewältigen. Die Schwierigkeit geht über den Grad II nicht hinaus und beschränkt sich auf ein Dutzend kurzer Passagen, die auch ohne Aufwand umtragen werden können. Die Meisten stellen sich aber der sportlichen Herausforderung und nehmen ein allfälliges Kentern von der lustigen Seite. Das im Sommer über 20 Grad warme Wasser ist auch eher eine willkommene Abkühlung. Wer die ganze Strecke in einem Tag fährt, wird am nächsten Tag sicher die Armmuskeln spüren, gemütlicher ist es, sich zwei Tage Zeit zu gönnen und eine Nacht im Zelt zu verbringen. Neben den wunderbaren Ausblicken in steile Felswände gibt es unzählige Bademöglichkeiten. Mutige springen von den Felsen und in den „Badewannen“, die in Jahrtausenden geformt wurden, macht das Plantschen besonderen Spaß. Da uns der Wind recht heftig entgegen blies, blieb dafür zu wenig Zeit.

Ein gibt viele Gründe wieder in die Ardèche zukommen! Der Canyon der Chassesac, der Klettersteig an der Pont du Diable, Baden im glasklaren Wasser der Sèze – und natürlich auch warmer Ziegenkäse auf knackigen Blattsalaten mit einem guten Schluck Chatus.