sportINSIDER: Oberster Skilehrer Österreichs im Interview
Richard Walter ist seit Jahrzehnten mit den Themen „Wintersport, Tourismus und Skischule“ sehr eng verbunden. Als Vizepräsident des INTERSKI-Kongress 2011 in St. Anton konnte er sich in einem internationalen Rahmen mit Vertretern aus aller Herren Länder dazu austauschen. Als federführender Funktionär in den verschiedenen Verbänden und in seinem „zivilen“ Beruf als Skischulleiter der größten Skischule Österreichs (mit bis 400 Skilehrern) gibt es keinen Berufeneren als ihn, mit dem der sportINSIDER über diese Bereiche reden könnte …

„Die Aufklärung über die alpinen Gefahren sowie über Präventionsmaßnahmen sind dem Österreichischen Skischulverband neben der Vermittlung der neuesten Skitechnik sowie der Vermittlung eines praxisgerechten Risikomanagements von größter Wichtigkeit.“

Richard Walter

Richard Walter

Präsident ÖSSV, Präsident Tiroler Skilehrer Verband, Präsident Europäischer Skilehrer Verband, Skischulleiter, Skischule St. Anton/Arlberg, Obmann Tourismusverband St. Anton/Arlberg

sportINSIDER: In früheren Jahren wurde „Die Österreichische Schischule“ als die beste Ausbildungsstätte in Sachen Skilauf/Skifahren weltweit gehandelt. Als staatlich geprüfter Österreichischer Skilehrer, da war man schon was. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass sich hier leichte Patina angesetzt hat … woran liegt das und ist noch etwas vom Glanz vergangener Tage übrig geblieben?

Walter: Diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil: der weltweit herausragende Ruf der „Österreichischen Skischule“ konnte sogar noch ausgebaut werden! Der staatlich geprüfte Österreichische Skilehrer beherrscht im Vergleich zu früheren Jahren nicht nur das Skifahren in Perfektion, sondern kann dazu auch noch eine hochwertige Ausbildung als Snowboardlehrer und eine Ausbildung im Bereich der alternativen Schneesportarten aufweisen. Damit kann er seinen Gästen als polysportiv ausgebildeter Schneesportlehrer einen abwechslungsreichen und sicheren Aufenthalt in den österreichischen Bergen bieten. Dazu kommt eine wesentlich stärkere Einbindung der immer wichtiger werdenden sozialen und kommunikativen Kompetenzen in der Ausbildung. Auch im Bereich der Kinder hat sich in der Skilehrerausbildung in den letzten Jahren sehr vieles bewegt. Eine umfangreiche pädagogische Ausbildung für den Unterricht und die Betreuung der Kinder erhält in allen Ausbildungsstufen eine wichtige Bedeutung.Im Bereich der Sicherheit ist die österreichische Ausbildung durch die Skiführerausbildung als letzte Stufe der modulartig aufgebauten österreichischen Skilehrerausbildung weltweit absolut führend. Daher: die österreichische Skilehrerausbildung glänzt im internationalen Vergleich mehr denn je.

sportINSIDER: Was sagt der oberste Skilehrer Österreichs zum Thema „Sicherheit im Wintersport“ und welchen Part spielen dabei die Skischulen?

Walter: Das Fahren abseits von Pisten im freien Skiraum, das Freeriden, wird immer beliebter. Für die Skischulen stellt diese Entwicklung eine große Herausforderung dar. Die Skilehrerinnen und -lehrer übernehmen dabei eine große Verantwortung für die Sicherheit der Gäste. Durch eine umfassende Sicherheitsausrüstung kann das Verletzungs- und Verschüttungsrisiko stark reduziert werden. Es ist für die österreichischen Skischulen eine Selbstverständlichkeit, dass beim Freeriden sowohl die dazu bestens ausgebildeten SkilehrerInnen (Anm.: Skiführer/ Snowboardführer), wie auch die Skischulgäste eine moderne Sicherheits- und Notfallausrüstung mitführen. Die Aufklärung über die alpinen Gefahren sowie über Präventionsmaßnahmen sind dem Österreichischen Skischulverband neben der Vermittlung der neuesten Skitechnik sowie der Vermittlung eines praxisgerechten Risikomanagements von größter Wichtigkeit. Die richtige Skitechnik, vermittelt durch die bestens ausgebildeten österreichischen Ski- und SchneesportlehrerInnen bietet natürlich nicht nur off-pist die erforderliche Sicherheit, sondern auch auf den Pisten.

sportINSIDER: Auf den Straßen ist niemand ohne Führerschein unterwegs, um die Sicherheit zu gewährleisten, auf den Pisten kann sich aber ein jeder tummeln. Sollte es Ihrer Ansicht nach so etwas wie einen Pflichtkurs in einer Skischule, bzw. eine Art Pistenführerschein geben.

Walter: Nein. Von gesetzlichen Verordnungen oder gar einer Pistenpolizei halte ich nichts. Solche Maßnahmen sind nicht dazu geeignet, den Schneesport attraktiver zu machen.

sportINSIDER: Naja, … vielleicht nicht attraktiver, aber sicherlich sicherer. Und würde ein derartiges „Basis- Zertifikat“ nicht ein gutes Geschäft für die Skischulen darstellen?

Walter: Es geht dabei nicht um ein gutes Geschäft für die Skischulen. Mit einer solchen gesetzlichen Regelung würde im Ergebnis dem gesamten Wintertourismus und damit auch den Skischulen ein großer Schaden zugefügt werden. Der Skisport ist mit dem Gefühl der Freiheit verbunden. Pistenpolizei, Strafen und neue Regeln dürfen mit dem Schneesport nicht in Verbindung gebracht werden. Gesetzliche Vorschriften würden – insbesondere bei Jugendlichen – auf wenig Verständnis stoßen und die gesamten Bemühungen, den Schneesport für alle attraktiv zu machen, zunichtemachen. Selbstverständlich ist die Sicherheit ein wichtiges Thema. Es gilt hier durch Informationen und Aufklärung das Sicherheitsbewusstsein des Einzelnen zu verstärken.

sportINSIDER: Wie hoch schätzen Sie den Prozentsatz jener ein, die eine ausgeübte „Schneepisten“-Sportart in einer Skischule erlernt haben, und nicht irgendwie als Autodidakt?

Walter: Es gibt dazu leider keine Erhebungen. Den Erfahrungswerten nach wird der Prozentsatz allerdings sehr hoch liegen. Früher war es üblich, dass die Eltern den Kindern das Skifahren beigebracht haben. Heute gibt es für die Kinder ein vielfältiges Angebot an professionellen Skiunterricht mit perfekter Infrastruktur, das von den Eltern sehr gerne angenommen wird. Der Anteil der Kinder bei den Skischulgästen beträgt heute durchschnittlich 60 – 70 %! Es gibt auch viele Wiedereinsteiger, die aufgrund der neuen Skimodelle – Stichwort Carving-Ski – ihre Skitechnik in einer Skischule wieder auffrischen lassen.

sportINSIDER: Ein Wort noch zum Skimaterial: Wie sehen Sie die Diskussion im Skirennsport bezüglich der breiten und taillierten, so genannten aggressiven, Ski – sollten diese Ski auch aus dem Handel verschwinden?

Walter: Die österreichische Skiindustrie wird selbst entscheiden, welche Ski den Weg in den Handel finden.

sportINSIDER: Apropos Handel: Arbeiten in Österreich – einmal grundsätzlich betrachtet – Ihrer Meinung die Skischulen und der Sportfachhandel eher miteinander, oder doch eher gegeneinander … und wo könnte es Verbesserungen geben, die zu einer Win-Win-Situation führen würden?

Walter: Die Zusammenarbeit zwischen den Skischulen und dem Sportfachhandel ist meiner Meinung nach ausgezeichnet. Die SkilehrerInnen klären die Gäste über die richtige Ausrüstung, wie Ski, Snowboard, Bekleidung, Brillen, Helme, etc. im Hinblick auf einen schönen und sicheren Skiurlaub in Österreich auf und der Fachhandel bietet in hervorragender Weise den Gästen diese Angebote. Die SkilehrerInnen sind auch sehr wichtige Meinungsbilder und daher für die gesamte Ausrüstungsindustrie und den Handel sehr wichtig.

sportINSIDER: Dass in den Wintersport-Ressorts die Bereiche Seilbahnen, Hotelerie und Gastgewerbe, sowie der Sportfachhandel eine Wertschöpfung-Verkettung bilden, ist unumstritten. Wo sehen Sie hier heutzutage die Skischulen als wirtschaftliche Triebkraft?

Walter: Die Skischulen sind im Gesamtgefüge der Angebote im Wintersport unverzichtbar und nehmen eine wichtige Stellung ein. Ohne Skischulen wäre die bisherige erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung im österreichischen Wintersport nicht möglich gewesen. Für die Zukunft wird die Bedeutung der Skischulen als wirtschaftliche Triebkraft meiner Meinung sogar noch größer werden. Ich denke dabei an den gesamten Bereich des Kinderunterrichts und der Kinderbetreuung oder an das große Potential der Wiedereinsteiger.

sportINSIDER: Danke für das Interview!

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